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Foto des Dienstgebäudes
Ansicht Dienstgebäude

Amtssitz

Contrescarpe 22/24

1848, Contrescarpe 25, Wohnhaus von Bürgermeister Johann Smidt. Nach einer Bleistiftzeichnung von Fr. A. Borchel

Nach Aufhebung des die Stadt einengenden Festungswerks im Jahre 1802 wurden Wall und Graben durch I. A. Altmann in die heutige Parkanlage umgewandelt. An der in die Bepflanzung einbezogenen Contrescarpe (Außenböschung des Walls) entstanden nach und nach Sommerwohnungen wohlhabender Bürger. Schon 1808 ließ sich Bürgermeister Johann Smidt, der spätere Gründer Bremerhavens (1827), auf dem von ihm erworbenen Nr. 18 (später Nr. 24/25) einen zweistöckigen Sommersitz mit großzügiger Gartenanlage bis zur Kohlhökerstraße errichten. Nach Zerstörung des Hauses durch Bomben im Jahre 1942 wurden auf dem Grundstück Turnhalle und
Lehrtrakt der Bürgermeister-Smidt-Schule errichtet.

1847, Theodor Gerhard Lürman, Steinzeichnung von A. Hohneck  (gedruckt von Zoellner in Dresden, unterzeichnet von Th.G.Lürman)

Auf dem heutigen Grundstück Nr. 22 (ehemals Nr. 17) errichtete 1822 der Architekt und Zimmermeister Jacob Ephraim Polzin für den Kaufmann und späteren Aeltermann Theodor Gerhard Lürmann (1789-1865) ein eingeschossiges Sommerhaus. Es war 16,8 m lang und wurde durch den Portikus mit dorischen Säulen ausgezeichnet, der heute noch den zentralen Teil der Fassade des Hauses Nr. 22 darstellt. Auf dem Walmdach befand sich eine vergitterte Plattform, die einen heute kaum mehr vorstellbaren Rundblick über das noch als Ackerfläche genutzte Land im Norden bot.

Vor 1853, Contrescarpe 22 von den Grünanlagen des Stadtgrabens aus gesehen. Lithographie nach F.A. Dreyer

Das Grundstück an der Contrescarpe erstreckte sich im Norden einst bis zur Kohlhökerstraße und war damit zu dieser Zeit vermutlich eine der größten privaten Immoblilien Bremens, vergleichbar der Größe des Domshof. Entsprechend wurde das Grundstück auch wie ein Landgut genutzt: Westlich neben dem Haupthaus lag ein Gärtner- und Waschhaus, in der südöstlichen Ecke ein zum Hofmeierhaus mit Pferde- und Kuhstall umfunktioniertes Bauernhaus und parallel dazu verlief eine Kegelbahn. In der nordwestlichen Ecke hatte der Besitzer, Theodor Gerhard Lürmann, ein Gewächshaus speziell für seine Frau Minna errichten lassen.

1853, Plan zum Galerieanbau Contrescarpe 22, von L. Rutenberg

Während Minna Lürman Hobbybotanikerin war, sammelte Theodor Gerhard Lürman Gemälde. Seine Gemäldesammlung umfasste schließlich 256 Werke, hauptsächlich niederländischer Meister des 17. Jahrhunderts und zeitgenössischer deutscher Akademiemaler. Als 1823 kunstbegeisterte Bremer Bürger den Kunstverein in Bremen gründeten, zählte Theodor Gerhard Lürman zu den ersten Mitgliedern. Daher kommt es, dass er sich 1853, nur vier Jahre nach der Eröffnung der Kunsthalle in Bremen, ein eigenes Galeriegebäude vom selben Architekten, Lüder Rutenberg, errichten ließ. Dieser Bau befand sich an der Stelle, an der heute der Neubau der Senatorischen Behörde für Inneres liegt. Die Karyatiden, die einst das Galeriegebäude zierten, sind nun vor dem Haupthaus aufgestellt.

1890/93, Contrescarpe 21, Ecke Meinkenstraße, Haus von Bürgermeister August Lürman. Geschmückt anlässlich des Besuchs von Kaiser Wilhelm II

Nach dem Tod des Aeltermanns Theodor Gerhard Lürmann wurde das Grundstück an der Contrescarpe auf seine beiden Söhne vererbt. 1866 führten diese die väterliche Bautätigkeit fort. Konsul Theodor Lürmann ließ die Villa seines Vaters von Heinrich Müller aufstocken und der Senator und spätere Bürgermeister August Lürmann ließ sich auf dem Nebengrundstück, Contrescarpe 21, vom selben Architekten ein eigenes Haus erbauen. Dort war 1890 sogar einmal Kaiser Wilhelm II zu Gast.

Contrescarpe 22, ehemaliges Musikzimmer Wolde, Wandgestaltung nach 1904 nachempfunden

1904 wurde das Haus Contrescarpe 22 von dem Bankier Georg Wolde (1845-1911) erworben, der das Innere durch den Architekten und Wohnraumgestalter Rudolf Alexander Schröder (1899-1962), später Ehrenbürger der Stadt, und den Maurermeister D. H. Kahrs ausbauen ließ. Es entstand hinter dem jetzt nicht mehr vorhandenen Eingang die zentrale Eingangshalle, und das Treppenhaus erhielt einen Lift. Links erreichte man über Garderobe und Nähzimmer im Zwischentrakt (jetziger Eingangsbereich) die drei Zimmer des ehemaligen Gartenhauses Nr. 23. Rechts lag das Wohnzimmer mit Durchgang zur Bibliothek (hinter der Säulenloggia) und dahinter das Herrenzimmer. Auf der Gartenseite schloss sich der Damensalon an und vis à vis der Bibliothek lag das um eine Apsis erweiterte Musikzimmer. Der große (heute mehrfach geteilte) Raum hinter der Halle, der sich aus der Flucht der Gartenfront herausschiebt, war das großzügige Esszimmer. Von der Einrichtung, die R. A. Schröder geschaffen hat, sind im Hause nur noch die Marmor- und Parkettfußböden, ein Teil der Türen, die Holzverkleidung mit einem Teil der Bücherschränke in der ehemaligen Bibliothek, Kamin, Tür- und Fenstergriffe vorhanden. Zahlreiche Einrichtungsgegenstände befinden sich aber noch in Privathand in Bremen.

1939, Ansicht Contrescarpe 22-24 (Ausschnitt)

Nach dem Tode Woldes (1911) wechselte das Haus mehrmals den Besitzer: 1923 übernahm es der Kaufmann Thomas Smidt, New York, 1925 die Ehefrau des Generaldirektors des Norddeutschen Lloyds Carl Stimming, 1932 der Norddeutsche Lloyd, der es mehreren Mietparteien überließ.

1957, Contrescarpe 22-24

Am 27. September 1939 erwarb die Stadt Bremen das Gebäude vom Norddeutschen Lloyd auf Kosten des Deutschen Reichs für 150.000 RM als Ausgleich dafür, dass der Senator für die innere Verwaltung seine im Polizeihaus genutzten Räume für Zwecke der Polizei, die inzwischen Reichsangelegenheit geworden war, aufgeben musste.

1957, Contrescarpe 22-24

Das Haus wurde im Krieg leicht beschädigt und im Mai 1945 von der amerikanischen Armee beschlagnahmt. Es war danach von 1947-1949 Sitz des Senators für politische Befreiung und von 1950-1954 Dienstgebäude des Senators für das Bauwesen. Am 1. Juni 1954 übernahm der Senator für Inneres das Gebäude.

Altbau des Senators für Inneres und Sport – heutige Ansicht

Das ehemalige Galeriegebäude, das ebenso wie das benachbarte Smidtsche Haus 1942 stark zerstört, aber behelfsweise für Bürozwecke wieder hergerichtet war, wurde 1963 zum Zwecke der Errichtung des neuen Bürogebäudes des Senators für Inneres abgetragen. Der Neubau auf dem Grundstück Nr. 23, das dafür durch Teile des inzwischen von der Stadt auch erworbenen ehemals Smidtschen Grundstücks erweitert worden war, wurde in den Jahren 1963-1965 errichtet.

(bearbeitet von Andrea Weniger)